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Die Autobiographie
des Fidel Castro
Norberto Fuentes
Eine (Schluss-) Bemerkung am Rande
Meine Absicht war, eine
Biografie Fidel Castros zu schreiben, die – im Gegensatz zu allem, was bis
dahin über ihn veröffentlicht worden war – aus seiner eigenen, weniger
persönlichen, als vielmehr vertraulichen Sicht erzählt werden sollte.
Diese Perspektive der ersten Person sollte das einzige fiktive oder
romaneske Mittel sein, das ich mir erlauben würde. Und nur als ein
Äquivalent der Analyse, denn das Entscheidende, das ein Biograf in der
Lebensgeschichte Fidel Castros auszukundschaften (und auszubeuten!) hat,
sind nicht die Tatsachen – die als solche bereits die weltweite
Aufmerksamkeit der letzten fünfzig Jahre auf sich gezogen haben und in den
Archiven nachzulesen sind – sondern die Motive seines Handelns, und
nach den Motiven die Ziele.
Die wahre Geschichte des Fidel Castro verbirgt sich in einem Bereich, der
vollkommen abgeschirmt ist und unter seiner absoluten Kontrolle steht, in
seinem Gehirn. Einige seiner Sätze, die in vertrauter Runde im
Freundeskreis oder in Vieraugengesprächen mit ihm gehört wurden, vor allem
aber die fortwährende und bewusste Beobachtung jeder seiner Aktionen im
Verlauf von 40 Jahren ermöglichen einen Zugang zu dieser geheimen,
ausschließlich ihm vorbehaltenen Zone seiner Gedanken. Doch daneben gibt
es auch die Anekdoten, von denen praktisch nichts nach außen gedrungen
ist, die aber im Kreise der engsten Vertrauten in Umlauf sind. Denn auch
diesen Kreis der ehemals engsten Vertrauten gibt es noch.
Wie kann man den Leser davon überzeugen – während man ihm gleichzeitig
gewissenhaft Informationen darüber liefert –, dass Fidel Castro den Che
Guevara in den Tod schickte und dass dies obendrein die einzige Option
war, die ihm das Verhalten des Argentiniers ließ? Oder wie kann man
beweisen, dass Fidel Castro bis zur Flucht Batistas aus Kuba am Morgen des
1. Januar 1959, also bis zum allerletzten Moment, an der realen
Möglichkeit zweifelte, die Macht mit Hilfe der Rebellenarmee zu ergreifen,
und aus diesem Grunde bis zum Schluss mit einem Teil der ranghöchsten
Offiziere der Batista-Armee konspirierte?
Das ist nur ein winziger Teil innerhalb der Zielsetzung eines Buches, das
keine Fiktion ist, aber dennoch mit den Mitteln der Fiktion arbeitet und
zugleich dem Leser ein stabiles Gerüst an verbürgten
Hintergrundinformationen liefern muss. Das Vorhaben ist vergleichbar der
Herausforderung, der sich Marguerite Yourcenar mit Ich zähmte die
Wölfin stellte, als sie die Geschichte Hadrians in die erste Person
setzte und sie damit dem Mann in den Mund legte, den sie zu porträtieren
suchte, oder auch dem Experiment, das in jüngerer Zeit Edmund Morris mit
Dutch: A Memoir of Ronald Reagan durchführte, und dieser vielleicht
sogar von einem noch kühneren Standpunkt aus: dem des akademischen
Biografen, der in einen bekannten Tatsachentext eine fiktive Figur
einführt. Vielleicht aber ist diese Arbeit eher als eine naive Lösung zu
betrachten, denn im Grunde bestand sie nur darin, in den riesigen Strom
erwiesenermaßen historischer Ereignisse eine Figur aus der Retorte
einzusetzen, die der Autor in seinem Labor erschuf, um ganz nach Belieben
den Lauf seiner Erzählung steuern zu können. Gore Vidal unternahm in
seinem 1973 erschienenen Burr einen ähnlichen Versuch – und mit
großem Erfolg, aber erklärtermaßen aus der Perspektive des Romans. Das
Unternehmen wirkt zweifelhafter im Falle eines Buches wie Dutch,
wenn es seinen Anspruch als Biografie geltend machen will. Der junge
Journalist der Evening Post, der den roten Faden in Burr
bildet und sich am Ende als unehelicher Sohn des Politikers Aaron Burr
entpuppt, ist im Grunde ein alter ego Gore Vidals. Durch seine
Geburt im zwanzigsten Jahrhundert und die damit verbundenen zeitlichen und
räumlichen Zwänge daran gehindert, an jenen turbulenten New Yorker Jahren
teilzunehmen, die auf die Amerikanische Revolution folgten, schickt Vidal
jenen Zeitreisenden in die Vergangenheit, um sich mit Burr und anderen
seiner Epoche zu treffen und anschließend so freundlich zu sein, uns
darüber Bericht zu erstatten. Mein zerlesenes Exemplar der spanischen
Übersetzung (bei Grijalbo Mondadori, Barcelona, 1975) gehört zu den
Stücken des Schatzes, den ich in Kuba zurücklassen musste, aber ich habe
nie die Lektion vergessen, die mir Vidal in einer Bemerkung, ähnlich der
meinigen hier, am Ende seines Buches erteilte, als er schrieb, das
Entscheidendste an einem historischen Roman sei «die Zuweisung der inneren
Beweggründe, etwas, das gewissenhaften Historikern und Biografen verwehrt
ist».
Das erklärte Ziel, diese Autobiografie des Fidel Castro so anzulegen, dass
sie in ihrer umfassenden und zugleich höchst vertraulichen Sichtweise
nicht einmal von Fidel Castro selbst zu übertreffen wäre, bestimmte in
jedem Moment die Arbeit daran. Der Autor glaubt in diesem Moment, dass
Fidel Castro nur eine einzige Möglichkeit bliebe, gegen dieses Buch
anzutreten: das – nur noch als Antwort mögliche – Paradox, seine eigene
Fassung dieser Autobiografie zu erstellen, die also nur noch eine Art
Folgeerscheinung der vorliegenden sein könnte und die weder die Freiheit
noch die Lebendigkeit besäße, mit der auf diesen Seiten vorangeschritten
und bis in den letzten verborgenen Winkel dieser beherrschenden
Persönlichkeit alles schonungslos aufgedeckt wurde.
Sicher stellt die Methode in der Literatur nichts Ungewöhnliches dar, sie
wird immer wieder auf Persönlichkeiten der Antike angewandt, da von ihnen
nichts mehr zu befürchten ist. Aber hier ging es um die Herausforderung
und die Faszination, die darin besteht, einem Zeitgenossen – und das zu
seinen Lebzeiten – die vertraulichsten Enthüllungen seiner eigenen
Geschichte zu rauben.
Die Disziplin völliger
«Funkstille», die ich im gesamten Verlauf meiner Arbeit an diesem Text
einzuhalten suchte, zwang mich gelegentlich, nur sehr langsam
voranzukommen, doch es war unerlässlich, den Protagonisten und seine
Hilfstruppe zu überrumpeln, um jede Art von Sabotageakten zu vermeiden.
Dies scheint zu einer gewissermaßen axiomatischen Haltung geworden zu sein
für jeden, der sich ihm nähert. Konspirieren, selbst um ein Buch zu
schreiben. Aber gerade in diesem Sinne ist es auch ein ausgesprochen
fidelistisches Produkt – ein literarisches Artefakt, das man wie eine
Falle stellt.
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