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Die Autobiographie des Fidel Castro


Norberto Fuentes

I. Die Auguststürme

Aller Ruhm der Welt
Die drei Bücher, die ein Freund mir als Muster mitgebracht hat, Die Autobiographie der Alice B. Toklas von Gertrude Stein, Ich zähmte die Wölfin von Marguerite Yourcenar und die Memoiren von Benvenuto Cellini, sind letztlich allesamt literarische Deutungen, künstliche Lösungen für drei verschiedene Typen von Memoiren; die beiden Ersteren in ihrer Art, wie sie die Wirklichkeit angehen, und das Letztere insofern, als Cellini angeblich alles oder fast alles erfunden hat. Eigentlich muss in meinem Fall – aus bekannten Gründen – nicht viel hinzuerfunden werden, um den Leser zu fesseln. Nachdem ich mich lange aus der Sicht von Autoren betrachten durfte, die mein Leben erforscht und entsprechende Abhandlungen darüber verfasst haben – die Biografien über meine Person gehen in die Hunderte –, bietet sich mir mit dem gegenwärtigen Buch die Gelegenheit, mich aus meiner Sicht wahrzunehmen. Ich selbst als Gegenstand meiner Untersuchung. Und es fehlt mir nicht an brauchbarem Stoff, der allerdings, das muss ich Ihnen gestehen, nicht immer nur ein vorteilhaftes Licht auf meine Person und mein Verhalten wirft. Es erübrigt sich, hier zu wiederholen, was ich bereits in meinen Reden gesagt habe: Ich habe eine hohe Meinung von mir, wie wohl jeder Mensch, sofern er nicht psychisch krank ist. Dennoch habe ich mich nicht davor gescheut, aus der Unzahl meiner Erlebnisse auch Einzelheiten zu Tage zu fördern, die lächerlich oder gar tadelnswert erscheinen mögen. Letzten Endes – das habe ich beim Schreiben gelernt – tragen diese negativen Details zu einer differenzierteren Darstellung bei; sie überzeugen nicht nur den Leser von der Glaubwürdigkeit der Geschehnisse, sondern lassen den Protagonisten auch noch sympathischer erscheinen. Darf ich Ihnen vorab ein Beispiel nennen? Nehmen wir doch jenen Tag, als ich empört und voller Wut gegen mich selbst aufbegehrte, weil ich im Traum eine ausgezeichnete Cohiba ganz zu Ende geraucht hatte. Und zwar mit Genuss! Das geschah, zwei oder drei Jahre nachdem ich das Rauchen aufgegeben und dies jedem Journalisten verkündet hatte, der in Havanna Station machte. Ich glaube, niemand ist je so hart und unnachsichtig mit sich ins Gericht gegangen wie ich an diesem Morgen voller stummer Vorwürfe, der mich in einem ersten Schritt bewog, die Steuer auf Zigaretten und Zigarren zu verdoppeln, mit dem Ziel, unsere Bevölkerung vom Rauchen abzuhalten.
Die Originalfassung der Autobiographie wurde ab und zu auch auf einem Computer oder Laptop geschrieben, aber meistens in althergebrachter Weise mit dem Federhalter, der wie von selbst über die herrliche Oberfläche des mir allein vorbehaltenen Präsidentenpapiers gleitet. Ich habe entdeckt, wie wunderbar ich die Zeit auf den internationalen politischen Streifzügen an Bord meiner alten, gediegenen Iljuschin-62 nutzen kann und wie überaus produktiv ihre Speiseklapptische zu verwenden sind, während ich diese Zeilen schreibe, und so lasse ich mich auf den verschlungenen Pfaden meiner Erinnerungen dahintreiben. Als Inspirationsquelle nutze ich sogar das Geräusch der vier großartigen Turbofan-Triebwerke vom Typ Solowjew D-30KV, die mit gleichmäßigem metallenen Surren die Lüfte durchpflügen, und während ich in meinem schon beachtlichen Alter von Havanna aus zu irgendeinem meiner ehemaligen eroberten Territorien unterwegs bin oder zu einem Ort, wo ich einst als Held gefeiert und begrüßt wurde, in Afrika, Asien oder Amerika, und während beim Schreiben Gedächtnis und Wörter zueinander finden – ein Gedächtnis, das mir unentwegt die Vergangenheit zuträgt und darauf drängt, sie auf dem Bildschirm oder dem Papier voranzutreiben –, bewege ich mich auf jene alten Schauplätze zu, die mir nicht mehr gehören und an denen der alte, bewährte Held, der ich nunmehr bin, wie ein Kuriosum von jungen Präsidenten und Würdenträgern empfangen wird, die mir freundlich an ihrem Arm die Gangway hinunterhelfen und mich über das Rollfeld bis an die Stelle geleiten, wo Militärkapelle, Ehrenformation, Botschafter, Fahnen und Blumen auf mich warten. Ich werfe einen letzten Blick zurück ins Innere meines Flugzeugs und betrachte den Klapptisch, wo ich vorübergehend meinen Laptop oder meinen Stoß Blätter zurückgelassen habe, den der aufmerksame Sekretär Chomi sogleich aufräumt und in seinem Aktenkoffer sicher verwahrt. Drei, vier Tage lang offizielle Termine, einige geistreiche Bemerkungen an die Journalisten, aus dem Stegreif zusammengesuchte Sätze der Bewunderung und Achtung für die Gastgeber und ihr Land, und all diese Zeit über werde ich mich verzweifelt danach sehnen, die Arbeit an meinem unterbrochenen Werk wieder aufzunehmen: das Einzige, was ich jetzt tun sollte, mit allem Nötigen versorgt, sogar mit einem Schal und in Reichweite ein dampfender Tee ohne Zucker; zu wissen, dass er dort auf einen wartet, ein treuer Begleiter, den man in kleinen Schlucken genießen und nachbestellen kann, wann immer man will, während man weiterarbeitet, weiterschreibt.
In dieser Art Einführung, die erläutern soll, was mich zur Niederschrift meiner Memoiren bewog und in welcher besonderen Weise ich mich der Autobiografie von Benvenuto Cellini als Leitmodell und Inspirationsquelle bediente, möchte ich eines bemerken. Cellini beschreibt, überliefert uns eine Welt, in der das heutige Kommunikationswesen noch nicht existierte, in der noch alles rätselhaft war. Unsere Zeit ist von Fotos und Videos überflutet. Das Erscheinen der Fotografie zwang die gesamte Kunstwelt zum Rückzug, zur teilweisen Aufgabe ihres angestammten Terrains. Ich meine hier die erzählende Kunst. Als der Mensch die Fähigkeit erwarb, das Licht einzufangen, es auf Papier zu drucken und diese Bilder dauerhaft zu bewahren, mussten die Literatur und die realistische Malerei andere Wege erforschen. Was bleibt mir noch zu erzählen, das nicht schon in irgendeinem Spezialarchiv gespeichert oder auf den Seiten irgendeiner Zeitung abgedruckt wäre? Nun das, was ich für meinen alleinigen Gebrauch von Absichten und Schachzügen zurückbehalten habe.
Es ist banal, ja absurd, einen Menschen wie mich anhand seines äußeren Scheins entschlüsseln zu wollen, und noch weitaus schlimmer, ihn danach zu beurteilen. Angesichts der Verständnislosigkeit gegenüber meinem Handeln werde ich leicht zur Spottfigur. Die Verunglimpfung ersetzt die gründliche Auseinandersetzung.
Mir bleibt nur das Schreiben, mein letztes Propagandasystem, Propaganda in ihrer wahren Bedeutung, die sie im Lateinischen besaß, von propagare, verbreiten; nicht in der verramschten (obzwar bisweilen notwendigen und wirkungsvollen) Bedeutung der Agitprop und ihrer kapitalistischen Version, der Werbung.
Das Kommunikationssystem der Tiere ist untrüglich, denn es beruht auf emotionalem Erkennen, auf sinnlicher Wahrnehmung, nicht auf Wörtern. Wörter dienen gleichermaßen der Wahrheit und der Lüge, doch ein anderes Mittel steht uns nicht zur Verfügung.
Beim Formulieren des Satzes über meinen Vater im Schatten einer Tamarinde, der weiter unten auftaucht und den eigentlichen Anfang des ersten Heftes dieser Memoiren bildet, griff ich intuitiv eine Tatsache auf, die jemand einmal so beschrieb: Wir leben in ewiger Unkenntnis der beiden folgenschwersten Umstände unserer Existenz, unserer Geburt und unseres Todes.
In meinem Alter vermag nur noch eine einzige Erfahrung uneingeschränkte Neugier in mir zu wecken, der Tod. Nichts überrascht mich mehr auf den Meeren, die ich jetzt durchkreuze. Alles, was ich heute bin und schon jetzt für die Zukunft sein werde, ist Geschichte. Einst schüchterte mich dieser Begriff ein, Geschichte war wie eine Verhaltensvorschrift. Dann merkte ich, dass es eine solche nicht gab, dass der beste Wesenszug und Gestalter der Geschichte die Macht ist. Am deutlichsten habe ich das wohl in meiner oft wiederholten Äußerung formuliert, dass Macht dazu da sei, sie zu benutzen, doch welche Bedeutung kann für mich Geschichte haben, an der ich nicht mehr bewusst teilhaben werde. Ich habe gezeigt, dass die Strategie – die von der breiten Mehrheit unterstützte politische Vorgehensweise – zum Scheitern verurteilt ist, dass sich allein die Taktik lohnt. Aber die frühzeitige Kenntnis zahlreicher über mich erschienener Schriften hat sich auf meine lange Arbeit des Schreibens befreiend ausgewirkt. Ich will also mit diesem Buch weder etwas widerlegen noch mich verteidigen, sondern von eigener Hand oder, besser gesagt, aus eigenem Munde meine Fassung der Geschehnisse darlegen, in deren Mittelpunkt ich stehe und die bislang nur aus fremder, vor allem aber heuchlerischer Sicht bekannt waren. Wie gesagt, es geht nicht darum, mich gegen etwas zu wehren, sondern darum zu verhindern, dass bestimmte außenstehende Personen, die nicht an jenen Geschehnissen teilhatten und mich nicht als deren Initiator anerkennen, diese umschreiben oder umdeuten. Zumindest was die hier erwähnten Ereignisse betrifft, wird fortan von meiner Deutung und meinen Motiven zu reden sein. An Siegen, Triumphen, Orden und applaudierenden Menschenmengen mangelt es mir wahrlich nicht; vielleicht ist kein anderer in der Weltgeschichte so bejubelt, von so vielen Präsidenten und Würdenträgern empfangen worden, ja womöglich konnte kein anderer so viele große Leistungen für sich verbuchen wie ich.
Ich, ich allein, habe mehr und fernere Länder erobert als Alexander der Große. Ich habe zwei Imperien getrotzt, die tausendmal mächtiger sind als das alte Rom und Ägypten und alle antiken Reiche zusammen und die der Neuzeit. Und ein halbes Jahrhundert lang machte ich weltweit häufiger Schlagzeilen als irgendein anderer Staatsmann. Mein Namenszug weht auf einer von mir signierten Fahne in der Antarktis (soweit eine Fahne in gefrorenem Zustand überhaupt wehen kann). Inmitten des Gefechtslärms auf den Golan-Höhen, in der Mossamedes-Wüste und in der Sierra de Falcón flogen mir Hurra-Rufe zu. Ein vietnamesisches Bataillon trug meinen Namen im Krieg gegen die Yankees und erhielt den Marschall-Orden der Sowjetunion. Aber.
Aber.
Ich will es hierbei belassen, dieser Text ist keine Nabelschau, sondern ein geistig anspruchsvolles Werk.
Wenn neben der Pflicht, am Ruder des Schiffs zu verbleiben, tatsächlich das Schreiben mein Ende bestimmt, darf ich nicht unserem berühmten Spruch folgen, wonach alles böse endet, denn das ist hier nicht der Fall gewesen.
Schreiben. Wie oft hatte ich diesen Wunsch. Ich wollte sogar meinen Abschied nehmen, um mich dieser Aufgabe zu widmen. Viele gelehrte Persönlichkeiten mussten ihren Hochmut ablegen, um mir zu schreiben. Von Tad Szulk, Herbert Matthews und Anne Gayer bis hin zu Robert E. Quirk und dem Engländer Hugh Thomas, den Königin Elisabeth II. für sein Buch über meine Revolution zum Ritter schlug. Der Che Guevara erinnerte sich meiner in seiner Todesstunde, und General Arnaldo Ochoa gab vor seiner Hinrichtung das Versprechen, an mich zu denken. Ich indessen halte es anlässlich der Veröffentlichung dieser Seiten für meine Pflicht, meine Erinnerungen einem treuen Soldaten der Kubanischen Revolution zu widmen, dem jungen Artilleristen Eduardo Delgado Delgado, der noch im Todeskampf meinen Vornamen schrieb – Fidel –, mit dem Blut seiner offenen Eingeweide, in die er seinen Finger wie in ein Tintenfass tauchte, nachdem Söldnertruppen am Sonnabend, dem 15. April 1961, unsere Hauptstadt bombardiert hatten, als Auftakt zum Invasionsversuch in der Schweinebucht. Auch geht es nicht darum, bis ins Detail eine umfassende Geschichte zu schreiben, die sowieso bereits in Hunderten, ja Tausenden von Büchern zusammengetragen ist, nicht nur meine Geschichte, auch die der Kubanischen Revolution, was dasselbe ist. Vielmehr will ich mich auf Zeiträume konzentrieren, die kaum bekannt und deshalb wirklich wert sind, dass ich sie hier zur Sprache bringe und neu überdenke, um zu erklären und zu vermitteln, warum ich oft so anmaßend wirkte und mich gelegentlich auch über andere lustig mache. Diejenigen, die ich geliebt habe, habe ich geformt und stark gemacht. Die anderen, das ist wahr, verachte ich. Wenn in der Zukunft irgendein Leser – dem also meine angeblichen oder wahrscheinlichen Manipulationen nichts mehr anhaben können, oder ein heutiger Leser, der an einem Ort lebt, den ich nie kennen lernen werde, was auf dasselbe herauskommt – auf diesen Seiten irgendeine Erklärung findet, die seinen Geschäften oder seinem Werdegang nützlich ist oder ihm dazu dient, seine Handlungen, egal, welche, zu planen und durchzuführen, dann darf er sich zu denen zählen, die meine Achtung verdienen.
Ich habe es immer mit einer Welt von Verzagten und Schwächlingen zu tun gehabt, wie könnte ich mich da von solchen Erscheinungen beeinflussen lassen, die ich selbst erniedrigt habe. Ich habe für höhere Wesen zu schreiben.
Aber lassen Sie mich Ihnen nun die Ereignisse erzählen, die au
f jene stürmische Augustnacht im Jahr 1926 folgten, in der ich um zwei Uhr früh in einem Pfahlbau auf der Plantage Manacas zur Welt kam, und dann jene Erinnerung an meinen Vater. Mein Vater im Schatten der Tamarinde.


Fuentes, Norberto
Die Autobiographie des Fidel Castro
Aus dem Spanischen übertragen von Thomas Schultz.
2006. 757 Seiten. 26 Abb. Gebunden.

Verlag C.H.Beck
EUR 29.90
ISBN 3-406-54216-6

 

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